Samstag 19. Mai 2012
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Theorie und Geschichte

„In einer Salamitaktik ist das alles immer ärger geworden“

Im Interview mit dem Zeitzeugen und aktiven Freiheitskämpfer Rudi Gelbard sprach TROTZDEM über die Gräuel des Faschismus und die extreme Rechte heute, die sich quer durch Europa im Aufwind befindet. Anlass war der rechtsextreme WKR-Ball, der am 27. Jänner, dem Tag der Befreiung der Menschen-Vernichtungsfabrik Auschwitz, in der Hofburg stattfand.

Gelbard spricht u. a. über die Verbrechen der Nazis, schildert die antifaschistischen Kämpfe in der Nachkriegszeit, und erzählt, wie NS-Massenmörder freigesprochen wurden und im Blumenmeer den Gerichtssaal verlassen. Gelbard war eines der wenigen Kinder, die das KZ Theresienstadt überlebten. Als 11-jähriger wurde er deportiert, 1945 kehrte er nach Wien zurück. Seine Erlebnisse werden im Dokumentarfilm "Der Mann auf dem Balkon" (2007) und im Buch "Die dunklen Seiten des Planeten. Rudi Gelbard, der Kämpfer" (2008) geschildert.


Trotzdem: Lieber Rudi. 67 Jahre nach Ende der Nazidiktatur schwingen rechtsextreme Burschenschafter ihr Tanzbein in der Hofburg. Laut Umfragen liegt Österreich in Sachen Rassismus innerhalb der EU an der Spitze. Die FPÖ ist in Umfragen auf dem Sprung zur Nummer eins. Wie fühlt man sich da, wenn man die Gräuel des Nationalsozialismus miterlebt hat?


Gelbard: Das hab ich gelesen. Es ist mir wichtig, zuerst einmal die wichtigsten Verbrechen der Nazis aufzuzählen, damit wir wissen, wovon wir überhaupt reden.


Erstens: Zwei Drittel des europäischen Juden- und Jüdinnentums wurden ermordet - aus 24 verschiedenen Ländern. Von Norwegen bis zu den einsamsten Inseln Griechenlands. Darunter eineinhalb Millionen Babies, Kinder und Jugendliche - ermordet durch die Einsatzgruppen A, B, C, D, die gleich nachgestoßen sind, nachdem die deutsche Wehrmacht in die Sowjetunion eingedrungen ist. In kürzester Zeit wurden dabei über eine Million Menschen ermordet. Sie mussten das aber beenden, weil - so makaber die Grüne sind - es ihnen zu langsam ging und die Munition zuviel gekostet hat. Dann sind sie auf die Idee mit den Gasautos gekommen, standardisiert vom SS-Standartenführer Walter Rauff. Dabei wurden ca. 91.000 Menschen ermordet. Das mussten sie dann beenden, weil die Menschen in ihrer Angst diese Gaswagen beschmutzt haben.


Durch einen Zufall ist dann der stellvertretende Kommandeur von Auschwitz, Hauptsturmführer Fritzsch, auf die Idee gekommen, Baracken abzudichten und darin mit Zyklon B Vergasungen durchzuführen. Es gab ja sechs Menschen-Vernichtungsfabriken: Der Lagerkomplex Auschwitz 2 (Birkenau), Auschwitz 1 und Auschwitz 3, wo sich die Industrie deppert verdient hat. Zum Beispiel die I.G. Farben, deren Generaldirektor Fritz ter Meer dort Profite rausgeschunden hat. Nach dem Krieg war er übrigens wieder Generaldirektor - von der Firma Bayer, da hat er einfach weiter Gewinne maximiert. Zu nennen sind noch Majdanek-Lublin, Treblinka, Sobibor, Kulmhof und Belzec.


Zweitens: Das Verbrechen an hunderttausenden Romas und Sinti. Das dritte Verbrechen war die Euthanasie. Hunderttausende "nichtjüdische" Geisteskranke, etwa Taubstumme, wurden hingerichtet. Viertens: Die grauenhaften medizinischen Versuche, als man zum Beispiel versuchte, junge Tschechinnen unfruchtbar zu machen, die dann unter ärgsten Schmerzen gestorben sind. Eigentlich fast unbekannt ist das fünfte Verbrechen: die Germanisierung, Eindeutschung. In Polen wurden katholischen Eltern ca. 20.000 Kinder zur Germanisierung weggenommen, wenn sie blond und blauäugig waren. Dann natürlich das Verbrechen an den Homosexuellen, an den Zeugen Jehovas, die den Wehrdienst verweigert haben, oder an vielen, vor allem polnischen, Priestern. Neuntens: Das Verbrechen an den vielen politischen Gegnerinnen und Gegnern. Ich war fast drei Jahre in Theresienstadt. Wenn man diese Verbrechen kennt, kann man es kaum glauben, dass es möglich ist, dass in Deutschland zwischen 1990 und 2010 insgesamt 186 unschuldige Menschen durch Neonazis getötet wurden. Und da red ich jetzt nicht von den zehn, die dieser gerade aufgedeckten Neonazi-Mordgruppe zum Opfer fielen. Für uns ist das besonders erschütternd.

Trotzdem: Rudi, du warst auch nach dem Zweiten Weltkrieg jahrelang im antifaschistischen Widerstand aktiv. Wie sind die Auseinandersetzungen mit Nazis nach dem Fall Nazideutschlands weiter gegangen?


Gelbard: Schon ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, 1946, wurde bei einer Vorlesung auf der Wiener Universität Beifall geklatscht, als von Pogromen die Rede war. Oder 1948 die Gründung des Schutzverbands der "Rückstellungsbetroffenen" - so nannten sie sich euphemistisch - im Hotel Wimberger. Den haben wir gesprengt. Oder 1955 die Versammlung des rechten VdU (Vorgängerpartei der FPÖ, Anm. d. Red.) und seinem Gründer Fritz Stüber unter dem provokanten Titel "Hungerrenten und die jüdischen Forderungen an Österreich". Bei der "Schiller-Feier" 1959 ist das rechte Wien zum ersten Mal wieder auf die Straße gegangen, vor allem die Verbindungen: Teutonia, Germania, Gothia und - immer die härteste: die Olympia. Dann gab es in den 1950er Jahren auch den "Bund heimattreuer Jugend" mit dem Kürzel BHJ, eine rechtsextreme Plattform unter dem Deckmantel des Freiheitsdichters Schiller. Da hat es eine große Überschneidung mit der FPÖ gegeben. Sicher sehr einprägende Momente waren die letzten Märztage 1965. Auf der ehemaligen Universität für Welthandel (heutige Wirtschaftsuniversität, Anm. d. Red.) sorgte Taras Borodajkewycz, Professor für Wirtschaftsgeschichte, mit seinen immer wieder angebrachten antisemitischen Einlagen für Gelächter und Beifall bei den Rechten, aber er entfachte Protest bei den demokratischen Jungen. Am 31. März kam es in den Straßen der hinteren Stadt zu den schwersten Schlägereien. Dabei wurde der ehemalige KZ-Häftling Ernst Kirchweger vom Neonazi Günther Kümel, Mitglied der freiheitlichen Jugend, totgeschlagen. Der Ring freiheitlicher Studierender hat ja damals fast ein Drittel der Stimmen an der Universität gehabt. Auch in den frühen 1970ern ist es immer wieder zu Schlägereien an der Universitätsrampe gekommen.


Darüber hinaus war ich auch bei den Protestdemonstrationen gegen die Freisprüche bei den Kriegsverbrecherprozessen dabei. Der Gebietskommandant von Wilna, Franz Murer, dessen Sohn dann auch Staatssekretär der FPÖ war, wurde freigesprochen und hat in einem Blumenmeer den Gerichtssaal in Graz verlassen - das muss man sich ja einmal vorstellen. Oder der SS-Hauptsturmführer Novak, der als Transportoffizier im Eichmann-Kommando für die Deportation der Jüdinnen und Juden zuständig war. Also wir waren ununterbrochen unterwegs damals. Auch die jüngeren Naziprozesse zu Küssel oder Schimanek hab ich mir angeschaut. Das ist schon etwas Trauriges und Bedenkliches, wenn man das als Zeitzeuge erlebt. Und da red ich ja noch gar nicht von den rechtsextremen Zeitschriften wie die Aula oder "Zur Zeit", etwa Artikel von Gaskammerleugnern.


TROTZDEM: Braune Flecken hat es ja auch in der Sozialdemokratie gegeben. Was sagst du zur Rolle der SPÖ puncto Vergangenheitsbewältigung?


Gelbard: Die SPÖ ist manches Mal ein schwacher Damm, aber sie ist ein Damm gegen den Faschismus. Das hat schon Biograph des russischen Marxisten Bucharin gesagt. Ich habe immer zu jenen gehört, die dem besonders antifaschistischen Flügel angehört haben. Wir müssen anerkennen, dass Vranitzky 1986 die Koalition mit der rechten Haider- FPÖ aufgekündigt hat und die SPÖ seither auf diese zweite Option, also einer Regierung mit den Blauen, verzichtet. Die Lehre, die uns die Genossen Hindels oder Blau mitgegeben haben, war schon, innerhalb der Partei - natürlich kritisch - zu agieren. Jene, die sich abgespalten haben, sind letzten Endes im politischen Niemandsland geblieben.


TROTZDEM: Eine Parallele zu den 1930er Jahren ist doch, dass rechtspopulistische Parteien und durchaus faschistische Kräfte Profit aus einer Wirtschaftskrise ziehen können.


Gelbard: Natürlich arbeiten die Freiheitlichen - wie es auch früher war - mit vereinfachenden Parolen und mit - oft antisemitischen - Verschwörungstheorien. Sicher gibt es Probleme, die offen ausgesprochen gehören. Aber mit Verhetzung ist nichts lösbar.


TROTZDEM: Du hast das Novemberpogrom 1938 in Wien miterlebt. Was kannst du uns über die damals herrschende Stimmung erzählen?


Gelbard: Schon im März, beim Anschluss, hat sich innerhalb von 20 Minuten die Stimmung total verändert. Bei jenen, die man auf der Straße gesehen hat, ist eine unvorstellbare Euphorie ausgebrochen. Wir wurden angespuckt, die Leute haben uns Tritte gegeben. Die Kruckenkreuze des Austrofaschismus wurden abgebürstet, im Möbelgeschäft mussten Jüdinnen und Juden bis zur Erschöpfung Kniebeugen machen. Ich weiß ja nicht, wie viele Leute in der Wohnung hinter den Vorhängen gestanden sind und sich gedacht haben: "Schrecklich - aber was soll ich machen!?". In der Diktatur Widerstand zu leisten, ist großartig - man sollte es tun, aber es ist nicht einfach. Auffallend war, dass zum Beispiel die Prostituierten weit menschlicher zu uns waren als die bürgerlichen Nazifrauen.


Möglicherweise weil sie auch Außenseiterinnen waren in der Gesellschaft. Es gab noch weitere Ausnahmen, zum Beispiel ein Schutzbündler oder zwei alte Monarchistinnen, die uns geholfen haben. Gelegentlich ist es schon vorgekommen, dass mir zum Beispiel wer in einem Haustor eine Schokolade gegeben hat. Aber die Atmosphäre war schlagartig ganz anders: Rund 30.000 sind sofort in die KZs gekommen, vor allem nach Dachau. Wir durften in kein Kino, in kein Theater, es gab Ausgangssperren, nicht einmal Kanarienvögel durfte man haben. Dann der Judenstern; in den Dokumenten ist das große J reingeschrieben worden. In einer Salamitaktik ist das alles immer ärger geworden. Im "Stürmer", der ja sehr pornographisch war, wurden jüdische Männer dargestellt, wie sie die blonde, blauäugige, junge, arische Mädchen schänden. Man kann sich diese Verhetzung nicht vorstellen.


TROTZDEM: In den KZs haben die Nazis ja drauf geschaut, dass jegliche Solidarität unter den Häftlingen zerstört wird. Wie hast du das erlebt?


Gelbard: Das war immer das System der Nazis - das haben sie auch in den KZs gemacht, das sogenannte Kapo-System. Die haben immer versucht, einzelne Gruppen gegeneinander auszuspielen, auch in den KZs. Zum Beispiel die Grünen, das waren die sogenannten BerufsverbrecherInnen, gegen die Roten, also die politischen Häftlinge. Es gab ja unzählige Häftlingsgruppen mit Winkeln, rosa waren die Homosexuellen, gelb waren die Jüdinnen und Juden - es gab eine genaue Differenzierung. Unter den Winkeln waren die ganzen Ländernamen aufgenäht. Generell ist das ein sehr schwieriges Kapitel. Wenn es um Tod und Leben geht, gilt glaub ich der Satz von Arthur Schnitzler: "Wir wissen nichts von uns, nichts von anderen. Wer es weiß, ist klug."


Ich hab eine Selektion in der Baracke erlebt, wo ich meinen Vater einmal besuchen durfte, und da hat jede Gruppe (auch unter den jüdischen Häftlingen gab es ja agnostische, atheistische, fromme, zionistische usw.) und jede Landsmannschaft versucht, ihre Leute "herauszureklamieren". Da ist es dann mit der Solidarität oft sehr schwierig. Der Juden-Älteste von Wilna hat kleine Transporte zusammengestellt und Alte und Kranke geopfert, um die Jugend zu retten. War das ein Kollaborateur? Es ist so kompliziert. Es soll eine/n schützen, je in eine solche grauenhafte Situation zu kommen! Schon die Gestaltung unserer Ankunft im KZ wurde von den Nazis ja gut überlegt. Als wir angekommen sind - in voller Dunkelheit, musste alles sehr schnell gehen. "Raus! Raus!", haben sie geschrien. Man ist ja überhaupt nicht zur Besinnung gekommen. Wir waren sofort Gefangene, vollkommen abhängig von den Befehlen. Es ist unvorstellbar, was man da gesehen hatte - Familien, die auseinandergerissen wurden usw. Wir müssten ja eigentliche alle ins Irrenhaus!


TROTZDEM: Zurück zum WKR-Ball: Die FPÖ bemüht sich sehr, ihn zu retten - in trauter Eintracht mit den rechten Burschenschaften. Diese wiederum leugnen ihre rechtsextreme Einstellung gerne.


Gelbard: Sie sind ja sehr hinterlistig in der Gegenargumentation. Sie sagen, der Viktor Adler war ein Burschenschafter, der Theodor Herzel, der Begründer des Zionismus, auch. Dabei muss man dazusagen - ja wann?! Es gab in den 1890er Jahren den Waidhofener Beschluss, wo die übergroße Mehrheit der Burschenschafter "dem Juden nicht mehr Genugtuung" getan hat. Da hat es geheißen: "Jeder Sohn einer jüdischen Mutter ist der Ehre bar." Auch ihr Scheinargument, sie seien ja von den Nazis auch aufgelöst worden, ist ein Schmäh. Sie gingen ja auf in der NS-Studentenschaft. Von den Deutschnationalen wurden 90 Prozent Nazis, und nur 10 Prozent sind diesen Weg nicht gegangen. Wir müssen aber auch den Unterschied zum CV sehen. Einige farbentragende Burschenschaften, die Monarchisten (Ottonisten), waren ja auch im KZ wie wir. Wie hat der Ferdinand Lasalle gesagt: "Man soll den Gegner nicht zu einer einzigen reaktionären Masse machen."


Das Interview führte Boris Ginner.

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