Samstag 19. Mai 2012
flickr facebook twitter blog.sjoe.at
Link zu den Bundesländern Vorarlberg Burgenland Tirol Kärnten Niederösterreich Wien Oberösterreich Salzburg Steiermark

Inhalt:

Sozialdemokratie

Drei große alte Männer der ArbeiterInnen-Bewegung, des österreichischen Widerstands und Antifaschismus leben nicht mehr: Die Genossen Jonny Moser, Hugo Pepper und Alfred Ströer.


Prof. Dr. Jonny Moser
Das Vorstandsmitglied unseres Bundes Sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen, Jonny Moser, Mitbegründer des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstands ( DÖW) und seit 1964 Mitglied des DÖW-Vorstands, starb am 23. Juli 2011 im 86. Lebensjahr. Jonny Moser wurde am 10. Dezember 1925 in Parndorf (Burgenland) geboren, wo seine Eltern eine Gemischtwarenhandlung betrieben. Als im April 1938 die Nazi-Faschisten die jüdische Bevölkerung aus Parndorf nach Ungarn abschoben, begann auch die rund siebenjährige Flucht, zunächst nach Wien, später nach Budapest, des damals 13-jährigen Jonny Moser mit seiner Familie.


Nach der überraschenden Entlassung aus einem Internierungslager im Sommer 1944 lernte Moser den schwedischen Diplomaten Raoul Wallenberg kennen. Letzterer konnte ab August 1944 tausende Jüdinnen und Juden - sowohl ungarische als auch nach Ungarn geflohene wie Moser und seine Familie - vor Erschießung und Deportation retten, indem er ihnen schwedische Schutzpässe ausstellte bzw. mehr als 15.000 Personen in 31 "Schutzhäusern" unterbrachte und verpflegte. Als Mitarbeiter Wallenbergs überlebte er die Shoah in Ungarn.

Nach Kriegsende kehrte die Familie nach Österreich zurück. Jonny Moser begann das Studium der Geschichte an der Universität Wien, seine Dissertation widmete er dem damals noch tabuisierten Thema Antisemitismus in Österreich. Nach zahlreichen Publikationen zur NS-Judenverfolgung veröffentlichte er 2006 seine Erinnerungen unter dem Titel "Wallenbergs Laufbursche. Jugenderinnerungen 1938 bis 1945".


Von 1964 bis 1996 war Moser SPÖ-Bezirksrat im 1. Wiener Gemeindebezirk. Vier Tage vor seinem Tod wurde der vielfach Ausgezeichnete (gemeinsam mit Gerti Spieß, Hugo Pepper und dem Schreiber dieser Zeilen) für seine Verdienste um die Republik Österreich im Bundeskanzleramt von Genossen Josef Ostermayer geehrt. Er war ein faszinierender Vortragender, saß bei Veranstaltungen meistens in der letzten Reihe, meldete sich aber nur selten zu Wort. Wenn er sich aber zu Wort meldete, blitzte sein jiddischer Witz immer wieder durch.


Demnächst erscheint sein Buch "Nisko. Vorhof zum KZ" in der Edition Steinbauer. Ob sein Buch über den Vorsitzenden der Revolutionären Sozialisten, Joseph Buttinger, erscheinen kann, hängt ganz von unserem Erfolg bei der Manuskriptsuche ab. Im Juni erzählte mir Jonny, dass das Buch schon fast fertig geschrieben ist.


Prof. Alfred Ströer

Ein großer alter Mann der FreiheitskämpferInnen und der Gewerkschaftsbewegung, Genosse Alfred Ströer, geboren am 3. Dezember 1920, ist am 20. August verstorben. Im Roten Wien aufgewachsen, engagierte er sich früh in der Gewerkschaftsbewegung. Wegen Beteiligung an einer Flugblattaktion gegen das NS-Regime wurde er im Februar 1939 verhaftet und im März 1940 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. 1941 aus der Haft entlassen, wurde Ströer 1942 zur Strafeinheit 999 eingezogen.


1946 kehrte er aus der englischen Kriegsgefangenschaft zurück. Er wurde eine der prägenden Gestalten im neu gegründeten Österreichischen Gewerkschaftsbund. Von 1956 bis 1959 war er Jugendsekretär des ÖGB, 1959 wurde Ströer zum Leitenden Sekretär bestellt. Von 1966 bis 1972 gehörte er als SPÖ-Abgeordneter dem Nationalrat an.

Ströer zählte auch zu den GründerInnen des DÖW, als dessen Vizepräsident er bis zuletzt fungierte. Von 1995 bis 2007 wirkte er als Vorsitzender und danach als Ehrenvorsitzender unsere FreiheitskämpferInnen.


Alfred, ein so genannter Macher im positivsten Sinn des Wortes, war einer der herzlichsten und hilfsbereitesten Genossen, die ich kennenlernen durfte. Unvergesslich seine Worte über den ehemaligen Revolutionären Sozialisten, Sozialminister und Gewerkschafter, Genossen Anton Proksch, dessen enger Mitarbeiter er war. Er fragte Proksch in einer schwierigen Situation, wie er entscheiden soll. Proksch antwortete: "Sozial!"


Viele Geschichten könnten neben folgender, die Alfred nie erwähnt hatte, erzählt werden. Linz, November 2000, Veranstaltung über PolitikerInnen und Politikverdrossenheit. Eine Frau meldet sich zu Wort: "Ich lernte als junges tuberkulosekrankes, nur noch 38 Kilogramm wiegendes 16-jähriges Lehrmädchen Anfang der Fünfziger Jahre einen Politiker kennen, der, als er mich sah, auf mich zukam und mich dann sofort fünf Monate in ein Gewerkschafts-Jugendheim nach Kärnten auf Erholung schickte. Er heißt Alfred Ströer, und ich habe ihn nie wieder gesehen. Er hat mir wahrscheinlich das Leben gerettet."


Das Buch von Wilhelm Toth "Vom Volksgerichtshof in die Gewerkschaftsspitze. Alfred Ströer. Eine Biografie", das 2003 im ÖGB-Verlag erschien und die von Peter Dusek und Georg Madeja gedrehte Dokumentation "Alfred Ströer - vom Widerstandskämpfer zum Gewerkschaftsboss - Fragen an einen Zeitzeugen" geben Auskunft über sein Leben.


Prof. Hugo Pepper
Am 1. September ist mit Hugo Pepper (geboren am 4. Februar 1920) ein weiterer großer alter Mann aus den Reihen der FreiheitskämpferInnen verstorben. Genosse Pepper trat schon in der Mittelschule für seine Überzeugungen ein und riskierte damit sein Leben: Er wurde 1938 unter dem NS-Regime wegen Hochverrats angezeigt. Später, in der Wehrmacht, schloss er sich der militärischen Widerstandsbewegung an. 1992 übernahm er den Vorsitz unseres Bundes und hatte ihn bis 1995 inne. Bis zu seinem Tod war er auch Vizepräsident des DÖW.

Noch am 19. Juli dieses Jahres verlieh ihm Staatssekretär Josef Ostermayer im Bundeskanzleramt vor etwa 110 AntifaschistInnen das Goldene Verdienstzeichen der Republik Österreich.


Sehr lesenswert seine Bücher "Lachen auf eigene Gefahr. "Das Kabarett der Rote Hund" (Pepper war einer der Kabarettgründer); seine "Kleine Redelehre"; "Der Globus von Wien. Geschichten aus Hernals" und das gemeinsam mit Genossen Franz Danimann herausgegebenes Buch "Österreich im April 45"! Dazu noch der WIFAR -Film "Denken auf eigene Gefahr", der vor einem guten Jahr gedreht wurde.


Von 1962 bis zu seiner Pensionierung war der exzellente Tucholsky-Kenner als Cheflektor des Europa-Verlags tätig und ermöglichte vielen sozialistischen AutorInnen das Erscheinen ihres Werks. Sein Abschiedswerk war die neunbändige, etwa 10.500 Seiten umfassende Otto-Bauer-Werkausgabe. Leider sparte sich der Europa-Verlag, damals noch ÖGB-Verlag, nach Peppers Pensionierung den zehnten Band, das Registerverzeichnis (400 von Hugo Pepper geschriebene Schreibmaschinenseiten), zu drucken. So können lustige HistorikerInnen heute Biografien über Otto Bauer schreiben und dem werten Publikum Gschichtln erzählen...


Von 1951 bis 1962 wirkte Hugo Pepper im Bildungsreferat des ÖGB und engagierte sich auch als Betriebsratsvorsitzender für seine KollegInnen. Bevor Pepper in den Betriebsrat gewählt wurde, war dieser nur mit Leitenden Sekretären geschmückt. Diesen "gelben Zuständen" setzten Pepper und seine MitstreiterInnen ein Ende. Mit ÖGB-Präsidenten Josef "Schani" Böhm ließ es sich noch trefflich streiten, dann folgte aber der autoritäre Franz Olah, der sogar Gespräche der BetriebsrätInnen abhören und private Briefe, die KollegInnen erhielten, öffnen ließ.


Ein ganz besonderes Anliegen war es für Hugo Pepper (und auch für Jonny Moser und Alfred Ströer!), dass wir "Jungen" uns immer fürs Existenzrecht Israels einsetzen und uns mit den Menschen in Israel solidarisieren.


Hugo war auch sonst ein zutiefst solidarischer Genosse. Oft ging ich für wohnungssuchende oder arbeitslose Menschen zu ihm. Beinahe immer konnte er den Betroffenen helfen. Sein Vater Hugo Pepper war Gründungsmitglied der Kommunistischen Partei. Sein Großvater Vinzenz Pepper wurde am 8. August 1940 als 85-jähriger Greis in Hartheim vergast.


Jonny Moser, Alfred Ströer und Hugo Pepper waren uns Genossinnen und Genossen leuchtende Vorbilder! Von ihrer Jugend bis zu ihrem Tod haben alle drei unermüdlich gegen Ausgrenzung, Antisemitismus und Rassismus, gegen das Vergessen und für die Rechte Benachteiligter gekämpft. Die antifaschistische Bewegung wird ihnen immer ein ehrendes Andenken bewahren


Peter Weidner
Vorsitzender des Bunds sozialdemokratische FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktiver AntifaschistInnen, Landesverband Oberösterreich

vorheriges Bild Bild Pause/Fortsetzen nächstes Bild
vorheriges Video Video Pause/Fortsetzen nächstes Video
IMPRESSUM © sozialistische jugend
http://www.restart.tc/