Sexismus im Mainstream
HipHop ist in New York City vor gut 30 Jahren entstanden. Zu Beginn noch Subkultur, inklusive für Außenstehende schwer nachvollziehbarer Sprach- und Verhaltenscodes, begann sich die Musikindustrie um 1980 für HipHop zu interessieren. HipHop eroberte den Popmusikmarkt und ist heute weltweit präsent.
Die afroamerikanische Minderheit in den USA hat seit jeher mit massiven Benachteiligungen zu kämpfen. Der Ausgrenzung stand aber immer auch der Widerstand gegen die Unterdrückung gegenüber, der sich oft musikalischer Formen bediente, um kulturelle Unterschiede und Eigenheiten auszudrücken. Seit 30 Jahren dient HipHop auch der Artikulation von Protest, wobei das Benutzen von Sprachcodes und Bekleidungsstilen, das Etablieren einer eigenen Kultur rund um die vier Bestandteile des HipHop (DJing, MCing, Breakdance und Graffiti) eine wichtige Rolle spielen.
Mitte der 80er Jahre wurden Rap-Texte politisch, Gruppen wie Public Enemy prangerten das Leben im Ghetto, die Unterdrückung, der die AfroamerikanerInnen ausgesetzt waren und sind, in ihren Texten an und forderten deren Emanzipation. Kämpferische und revolutionäre Texte stehen aber bis heute oft reaktionären, rassistischen und antisemitischen Positionen der KünstlerInnen gegenüber. Vor allem Sexismus ist im männlich dominierten HipHop weit verbreitet, das Zuhälter- und Gangster-Image dominiert seit dem Aufkommen des Gangsta-Rap.
Die deutschsprachige HipHop-Szene entwickelte sich vor rund 20 Jahren. Die ersten Gehversuche fanden noch weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, gerappt wurde meist auf Englisch. Getragen wurde das Entstehen der deutschsprachigen HipHop-Szene oft von MigrantInnen bzw. deren Kindern, die in ihren Raps auch auf gesellschaftliche Missstände wie Rassismus hinwiesen. In den 90ern wurde deutschsprachiger HipHop populär, war aber lange Zeit von unpolitischen KünstlerInnen geprägt.
Die neue deutsche Welle
"Schwarz-rot-gold, hart und stolz", so reimt der Rapper "Fler" in seinem Lied "Neue Deutsche Welle". Im Video beherrscht Frakturschrift das Bild und ein deutscher Adler landet, viele böse Blicke und geschwenkte deutsche Fahnen später, auf dem Arm des HipHoppers. "Bushido" rappt "Ich bin der Leader wie A." und auch wenn er betont, "A" stünde für einen seiner HipHop Kollegen, so ist doch klar, mit welcher Geisteshaltung hier kokettiert wird. Der deutsche HipHop, so scheint es, ist nach 20 Jahren im deutschnationalen Sumpf gelandet. Zwar stellt explizit neonazistischer Rap nach wie vor nur einen sehr kleinen Anteil der deutschen HipHop Szene, der Boden für solche Musik wird aber von etablierten KünstlerInnen, die auf nationalistische Symbole zurückgreifen, bereitet. Die NPD etwa reagiert mit Downloadempfehlungen auf die Deutschtümelei.
Neben dem deutschen Erwachen werden aber auch verstärkt gewaltverherrlichende und frauenfeindliche Inhalte in Reime gefasst und gerappt. Schonungslos, so macht der deutsche Gangsta-Rap der gespannt bis entsetzt lauschenden HörerInnenschaft weiß, wird wiedergegeben, wie sich das Leben im Ghetto abspielt und dabei doch oft nur das, was der amerikanische Mainstream-Gangsta-Rap vorgibt, kopiert. Frauen spielen im Ghetto keine tragende Rolle. Sie sind Objekte, die keinen eigenen Willen und keine Bedürfnisse haben. In den Texten sind Aufrufe zu physischer und sexualisierter Gewalt gegen Frauen keine Seltenheit. Die im HipHop übliche Darstellung von Frauen als sexuelles, unmündiges Objekt, über das Mann frei verfügen kann, ist der erste Schritt zur Vergewaltigung.
Oft wird versucht, die Dominanz von Sexismus und Gewaltverherrlichung im HipHop mit dem Umfeld der KünstlerInnen zu erklären. Aufgewachsen im Ghetto, zwischen Drogen und Gewalt, würden die Texte die Lebensbedingungen der RapperInnen spiegeln. Der Erklärungsansatz greift aber nicht. Tatsächlich ist es so, dass weder Drogenkonsum, noch Gewalt in der Familie, aber insbesondere gegen Frauen, eine Frage von Ghetto oder Villa ist. Die Posen des Gangsta-Rap haben aber ohnehin mit der Lebensrealität der AkteurInnen meist nichts zu tun. Sie sind selten mehr als marketingtechnisches Kalkül, das die Fangemeinde begeistert und Absatz garantiert.
Steigende Spannungen
Klar ist aber auch, dass die Radikalisierung der Sprache wachsende soziale Spannungen widerspiegelt. In Frankreich etwa wurde die steigende Gewaltbereitschaft der Jugendlichen schon lange vor den Ausschreitungen im heurigen Herbst von HipHop-KünstlerInnen in Texten aufgegriffen. Ende der 90er-Jahre setzte sich in Teilen der französischen HipHop-Szene eine Abkehr vom Kopieren US-amerikanischer Gangsta-Rap-Posen durch. Die RapperInnen aus den Vororten der Großstädte schilderten ihre Lebensumstände, die Arbeits- und Perspektivenlosigkeit der Jugendlichen, und schufen, so wie es die RapperInnen in den USA in den 80ern getan hatten, eine Gegenöffentlichkeit zu den etablierten Medien, deren Blick auf Gewalt und Verbrechen fokussiert ist, ohne die Ursachen zu beleuchten.
Auch die Reaktion von PolitikerInnen zeigt, dass es selten um die Suche nach den Ursachen geht. Der angebliche Kulturverfall wird angeprangert und Rufe nach Zensur werden laut, ohne dass die gesellschaftlichen Ursachen für Sexismus und Gewaltverherrlichung bekämpft werden. Sexismus wird im HipHop offener ausgedrückt als in anderen Musikrichtungen. Das zu kritisieren, ohne gleichzeitig den gesellschaftlichen Sexismus anzuprangern, ist eine kurzsichtige Herangehensweise. Es gilt also, nicht nur sexistischen HipHop zu bekämpfen, sondern eine sexistische Gesellschaft. Trotzdem dürfen frauenfeindliche und Gewalt gegen Frauen verherrlichende Texte und Aussagen nicht ignoriert, sondern müssen als gefährlich erkannt werden.
Für den deutschsprachigen HipHop besteht jedoch Hoffnung. Dass er nicht per se reaktionär ist, zeigen viele Beispiele aus der Szene. Die linke HipHop-Partisan Community etwa versucht antifaschistische, antisexistische KünstlerInnen zu vernetzen. Dort wird gezeigt, dass es möglich ist, gesellschaftliche Missstände zu kritisieren und deren Ursachen anzusprechen, dass HipHop immer noch subversiv sein kann.
Michael Eibl
Trotzdem Dezember 2005/Jänner 2006










