Samstag 11. Februar 2012
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Kultur

Jugend braucht Raum

Ob Straßenecke, Hauswände oder Haltestellen – es gibt fast keine Fläche, die nicht mit Werbung zugepflastert ist. In den seltensten Fällen wird Werbung als Verunreinigung verstanden. Sobald allerdings junge Graffiti-KünstlerInnen einen alten, grauen Tunnel finden und sich dort betätigen, ertönen von allen Seiten lautstark Beschwerderufe.


Doch Jugendkultur braucht Ausdrucksformen und sollen diese nicht Gewalt und Vandalismus sein, so ist es ohne den geeigneten Raum für ein alternatives Ausleben von jugendlichem Enthusiasmus oft schwierig, sich nicht im illegalen Bereich zu bewegen.


Wie öffentlich ist der „öffentliche Raum“?


Allgemein stellt sich die Frage, ob „öffentlicher Raum“ auch von der Öffentlichkeit beansprucht werden darf – oder wirtschaftliche Interessen über ihn verfügen. Der öffentliche Raum ist durch etliche Regulierungen und bestimmte Nutzungsformen eingeschränkt. Wenn er öffentlich genutzt werden darf – darf er dann tatsächlich von der Öffentlichkeit gestaltet werden, oder läuft auch hier alles nach vorgegebenen Mustern ab? Selbst in eigens für die Betätigung von Jugendlichen vorgesehenen Räumen gibt es Einschränkungen, die jugendlichen Ausdrucksformen widersprechen.


Jugendkultur braucht Raum!


Jugendkultur ist vielfältig, die geschaffenen Räume sind aber oft einseitig. Auch hinterlässt die Jugend unerwünschte Spuren, wenn sie sich Objekte des öffentlichen Raumes aneignet und zweckentfremdet. Oft entstehen Konflikte mit den ursprünglichen NutzerInnen. Wenn Jugendliche öffentlichen Raum für Jugendkultur beanspruchen – sei es Graffitikunst, Skateboarden oder andere Ausdrucksformen – tun sie dies nicht aus Zerstörungswut oder dem Willen, andere zu belästigen. Das Aufkommen von Nutzungskonflikten liegt vielmehr an mangelnden Freiräumen.


Immer wieder wird in der Gesellschaft Kritik an der computer- oder fernsehergesteuerten Jugend geübt. Gleichzeitig gibt es für Betätigungen, die eine Abwechslung zu elektronischen Medien darstellen (gemeinsames Musizieren, sportliche Aktivitäten, etc.), kaum Möglichkeiten. Denn die Nutzung von Sportanlagen oder Bandproberäumen ist meist mit hohen Kosten verbunden. Dies stellt gerade für Jugendliche ohne eigenes Einkommen ein großes Hindernis dar.


Weil die Aktivitäten trotzdem durchgeführt werden – eben an weniger geeigneten Orten –, kommt es zu Lärmbelästigung oder ähnlichen Konflikten.

Anstatt einen Kampf gegen die „Öffentlichkeit“ zu führen, wäre es für junge Menschen viel sinnvoller sich in Selbstorganisation und Eigeninitiative zu üben, was aber nur möglich ist, wenn der nötige Entfaltungsraum zur Verfügung steht.

Allerdings ist, vor allem im ländlichen Raum, eine flächendeckende Versorgung mit Jugendzentren und generell Jugendfreiräumen nicht gegeben.


Eine Insel inmitten männlich dominierter Strukturen


Noch stärker mangelt es an Freiräumen für Frauen. Für die Stärkung und Entwicklung von Selbstbewusstsein sowie die kritische Auseinandersetzung mit Rollenbildern braucht es aber Freiräume abseits des männerdominierten Alltags.

Wo Mädchen eine sexismusfreie Umgebung erleben dürfen, wird ihnen die eigene Unterdrückung noch stärker bewusst und es kommt zu Vernetzung und zum Austausch von Erfahrungen. Genau das ruft wiederum Reaktionen hervor, wie: „Ein männerfreier Raum ist doch auch sexistisch“. Hier wird jedoch außer Acht gelassen, dass Frauen in patriarchalen Strukturen nie dieselben Entfaltungsmöglichkeiten haben, wie die Männer, die den Raum beherrschen.


Die eigenen Potenziale erkennen und Selbstbewusstsein gewinnen!


Auch innerhalb der Linken gibt es oft eine mangelnde Bereitschaft sich mit dem Thema Sexismus auseinanderzusetzen und es wird als ein Problem der „Restgesellschaft“ abgetan. Aber jene, die glauben, das reine Bewusstsein der Umstände reicht aus, liegen nicht richtig. Wenn Männer vorschreiben, ob Frauenfreiräume sinnvoll sind oder nicht, zeigt sich umso mehr, dass diese notwendig sind, damit Frauen sich selbst ihrer eigenen Ziele und Potentiale bewusst werden.


Ob es also um die Schaffung von konsumzwangfreien Jugendzentren oder um die Gestaltung von öffentlichem Raum geht, überall sollten Frauenfreiräume im Diskurs ein Thema sein, eine Querschnittsmaterie, die bei allen Entscheidungen eine Rolle spielt.


Jugendkultur braucht Ausdruck und Ausdruck braucht Raum. Die Gestaltung eines solchen Raumes kann nicht ohne ein Mitspracherecht der zukünftigen NutzerInnen passieren. Denn wer kann besser entscheiden, was Jugendliche eigentlich wollen, als sie selbst?


Naomi Dutzi

Trotzdem März 2009


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