Freitag 10. Februar 2012
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Kultur

Das seltsame Weltbild der Rastas


Nach den Charts-Erfolgen von Sean Paul, Seeed und Gentleman ist Reggae in seiner erneuerten Form Dancehall nun auch in Österreich wieder dick da. Und wieder einmal wird uns dabei überwiegend Peace, Love and Unity also Friede, Freude, Eierkuchen präsentiert. Die Themen kann man an einer Hand abzählen: Frauen, Kiffen, Unterdrückung, Gott (Jah).


Auch wenn die neue Reggae-Welle mit den traditionellen mitteleuropäischen Vorstellung von Musik, InterpretInnen und Lebensstil kollidieren, weil die ProtagonistInnen eben nicht den landläufigen Vorstellungen des ewig kiffenden, Dreadstragenden und immer gemütlichen Naturburschen entsprechen, so wird Reggae in erster Linie als "Feel Good"-Music wahrgenommen. An der Oberfläche mag das stimmen aber darunter tun sich mitunter Abgründe auf.

Rasta Movement


Sozusagen der offizielle Startschuss der Rasta Bewegung war die Krönung Ras Tafari Makonnens zu Kaiser Haile Selassie I. von Äthiopien dem „König der Könige“ im November 1930, womit die angebliche Prophezeiung Marcus Garveys, wonach ab der Krönung eines schwarzen Königs die Erlösung nah sei, in Erfüllung ging. Die ideologische Vorarbeit leistete aber eben dieser Marcus Garvey, der zu Beginn des 20. Jhts. einen schwarzen Nationalismus predigte und die "Back to Africa"-Bewegung begründete, die sich als Ziel setze, den NachfahrInnen der verschleppten SklavInnen eine Rückkehr nach Afrika zu ermöglichen.

Die meisten seiner Bemühungen scheiterten aber an ihm selbst (Korruption, Betrug). Haile Selassie I. wurde auf Grund der Prophezeiung von vielen JamaikanerInnen als lebender Gott angesehen, von dem sie die Erlösung aus Babylon (der Knechtschaft) erwarteten. Dem war das aber eher egal. Während er in Jamaika verehrt wurde, sah man ihn in Äthiopien eher als blutigen Despoten, der schließlich auch vom Militär entmachtet wurde.

Bobo Ashanti


Die ideologische Grundlage der Rasta Bewegung geht von der Bobo Ashanti Kirche aus. Diese leitet ihre Handlungsgrundsätze von einer (eigenwilligen) Bibelübersetzung gepaart mit Naturmystizismus ab. Die Auslegungen zum Verhältnis zwischen Frauen und Männern, der Stellung von Homosexuellen usw. würden sogar Kurt Krenn zu Luftsprüngen veranlassen. Frauen werden in erster Linie als Frauen von Rasta-Männern betrachtet und nicht als eigenständige Individuen.

Ab Einsetzen der Menstruation dürfen sie 21 Tage lang nicht ihr Haus verlassen, oder müssen in eigenen "Frauenhäusern" untergebracht werden. Zudem obliegt fast ausschließlich ihnen und ihren Eltern die Erziehung der Kinder, da überraschenderweise die Ehe nicht als Voraussetzung für Sex gesehen wird und die Frauen dann meistens alleine dastehen.

Zudem gibt es ein Verbot der Rassenmischung für Bobos mit der Begründung, dass hellhäutigere Schwarze als Kämpfer für die Beendung der Unterdrückung nicht geeignet seien. Überhaupt scheint hier ein etwas eigentümlicher Zugang zur Frage der Unterdrückung und der Verhältnisse zwischen den "Rassen" zu bestehen. Das Herausstreichen der eigenen Überlegenheit gegenüber den Weißen gehört quasi zum guten Ton. Und als ob das nicht schon genug wäre, hatten und haben die Vertreter(keine Frauen!) der Bobo Ashanti auch kein Problem damit, sich voll Bewunderung hinter den ehemaligen ugandischen Diktator Idi Amin zu stellen, um dessen Kampf gegen die weißen Unterdrücker zu würdigen.

Die Rolle des Reggae


Ursprünglich wurde Reggae, der sich über Umwege vom rituellen Trommeln ableitet, von den meisten Bobos abgelehnt, da sie darin eine Unterwanderung ihrer Traditionen sahen. Mittlerweile hat aber ein Meinungswechsel stattgefunden. Denn immer wieder berufen sich Musikschaffende in ihren Werken direkt oder indirekt auf die religiösen Lehren, schaffen so vor allem bei den jugendlichen JamaikanerInnen die Bereitschaft, sich näher damit auseinander zu setzen. Die wohl häufigste Referenz gilt wohl dem Kampf gegen das System Babylon. Als Babylon wird die Unterdrückung, die Zerstörung der Natur, oder schlicht und ergreifend die westliche (kapitalistische) Gesellschaft bezeichnet. Netter Nebeneffekt für die Bobo Ashanti ist die Tatsache, dass ihre Mitglieder einen fixen Teil ihres Einkommens spenden müssen, was mitunter durchaus ein ansehnlicher Betrag ist.

Da die Mär vom globalen Dorf auch vorm Musikgeschäft nicht halt macht, zeichnet sich auch im Reggae eine tief gehende Vernetzung und Erweiterung um lokale Besonderheiten ab. Das Schwierige dabei ist aber die Rezeption der Botschaften losgelöst von ihren soziokulturellen Umgebungen. Eines der brennenden Probleme ist z.B. die latente Homophobie, die ähnlich wie im Hip Hop durch den Macho-Stil der Protagonisten noch verstärkt wird. Was (zurecht) passiert, wenn man diesen Inhalten unreflektiert hinterher hechelt und diese für den wahren Reggae hält, konnte man im heurigen April in Wien beobachten.

Mickey Kodak einer der Mitbegründer der österreichischen Reggae-Szene griff ordentlich daneben, als er auf einem Flyer Lesben und Schwule angriff und bedrohte. Was darauf folgte war ziemlich deutlich: Radio Orange strich seine Sendung aus dem Programm, die Arena erließ ein Auftrittsverbot und schließlich wurde Kodak auch noch getortet. Torte statt Worte eben.

Reggae aus dem deutschsprachigen Raum


Sieht man von Leuten wie Kodak oder etwa Thaistylee ("Die Schwulen haben Aids erfunden") ab, so finden sich deutsche und österreichische Acts eher in der aufgeklärteren offeneren Form des Reggae oder Dancehall wieder, wie die Beispiele Seeed und Gentleman zeigen. Für diese Acts sind auch die Genre-Grenzen eher unerheblich.

FM4 ersetzt die Jazz-Messe


Was allerdings auch bei deutschsprachigen Acts immer wieder auffällt ist ihre unreflektierte Übernahme der religiösen Ideen. Was Wolfgang Schüssel einst mit der Wandergitarre eigenhändig bei zahlreichen so genannten "Jazz-Messen" vollbringen musste, nämlich die Verkündung des Heils im Glauben an Gott, erledigt heute praktischerweise das Formatradio für den alternativen Mainstream. "Preise Vater Gott, denn Gott allein gibt dir die Energy" oder "Wir vertrauen auf Gott – ohne Scheiß, Rasta weiß – jeder bekommt was er verdient – Judgement" konnte mensch sich im Frühsommer immer wieder vorbeten lassen.

Um das ganze nicht allzu plump wirken zu lassen ergänzten die Interpreten Lazy Youth ihren Song „Alles aber nichts“ dann noch mit mundgerechter Gesellschaftskritik "Sie haben alles aber nichts - Die Taschen voller Geld - Aber glücklich sind sie nicht - Herrscher dieser Welt - Euer Königreich zerbricht." Ob dieser unreflektierte Gottglaube das System Babylon zum Einsturz bringt ist fraglich. Profit scheint damit aber allemal zu machen sein...

Robert Strayhammer

Trotzdem Oktober 2003

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