Samstag 19. Mai 2012
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Inhalt:

Armut und Reichtum

„Mittelschicht betreibt ihren eigenen Abstieg“

Warum die Mittelschicht trotz jahrelang sinkender Reallöhne und Kürzungen im Sozial- und Bildungsbereich immer noch an den eigenen Aufstieg glaubt. Warum Privatschulen boomen, sich alle zum Mittelstand rechnen und lieber auf Arbeitslose als auf die reiche Oberschicht geschimpft wird. TROTZDEM führte ein Interview mit der Autorin des Buches "Hurra, wir dürfen zahlen: Der Selbstbetrug der Mittelschicht!", der deutschen Taz-Journalistin Ulrike Herrmann.


TROTZDEM: Sie schreiben vom Selbstbetrug der Mittelschicht. Was genau ist darunter zu verstehen?


Herrmann: Die Mittelschicht hält sich für einen Teil der Elite. Sie glaubt immer noch fest an den eigenen Aufstieg - dabei droht eigentlich der Abstieg. Die Reallöhne sinken seit Jahren. Gleichzeitig explodieren die Firmengewinne, und die Reichen werden immer reicher. Doch Protest bleibt aus. Stattdessen betreibt die Mittelschicht sogar noch ihren eigenen Abstieg, indem sie zulässt, dass die Reichen immer weniger Steuern zahlen. Denn auch die ganz normalen Bürger glauben, sie zählten zu den Privilegierten. Diese Selbsttäuschung der Mittelschicht ist tragisch, denn sie nutzt nur den wirklich Reichen.


TROTZDEM: Das Gesellschaftsbild hat sich, Ihren Recherchen zufolge, von einer Knolle (breite Mittelschicht) in Richtung einer Pyramide (wenige oben, viele unten) entwickelt. Gilt das für Österreich ebenso wie für Deutschland?


Herrmann: Österreich ist sogar noch extremer als Deutschland. So wird geschätzt, dass das oberste Zehntel bereits 67 Prozent des gesamten Volksvermögens besitzt - in Deutschland sind es "nur" 61 Prozent.


TROTZDEM: Wie wird die Mittelschicht überhaupt definiert und wer zählt dazu - etwa am Beispiel Österreich?


Herrmann: In der Forschung wird meist die Definition verwendet, dass zur Mittelschicht zählt, wer zwischen 70 und 150 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat - da sind Steuern und Sozialabgaben also schon abgehogen. In Österreich existieren keine Erhebungen, die dies auf eine normale Familie umrechnen. Solche Daten gibt es nur in Deutschland. Aber sie dürften in etwa auf Österreich übertragbar sein. Für Deutschland jedenfalls gilt: Zur Mittelschicht zählt, wer als Single zwischen 1.070 und 2.350 Euro netto im Monat hat, bei einem Ehepaar mit zwei kleinen Kindern sind es 2.250 bis 4.935 Euro. Wichtig, gerade für Österreicher: Das 13. und 14. Monatsgehalt ist dabei auf die anderen zwölf Monate umgelegt.


TROTZDEM: Worin sehen Sie die Gründe für das Schrumpfen der Mittelschicht?


Herrmann: Oft denken die Leute, dass die Mittelschicht schrumpft, weil sie in die Arbeitslosigkeit abrutscht. Aber das ist eher selten. Das eigentliche Problem ist, dass die Reallöhne seit Jahren sinken - das gilt für Deutschland genauso wie für Österreich. In einer ganz neuen Studie vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung kam heraus, dass die Reallöhne der österreichischen Arbeitnehmer zwischen 1995 und 2008 um 2,6 Prozent gesunken sind. Gleichzeitig ist die Wirtschaft in diesen Jahren weiter gewachsen, aber davon profitieren nur noch die Firmenbesitzer und Kapitaleigner.


TROTZDEM: "Wer die Interessen einer Minderheiten durchsetzen will, muss die Emotionen der Mehrheit berühren", schreiben Sie in Ihrem Buch über den Trick der Eliten, die Mittelschichten für ihre Anliegen zu gewinnen. Was könnten konkrete Beispiele für diese Strategie sein?


Herrmann: Die Strategie besteht eigentlich aus drei Tricks.

Trick eins: Die Reichen rechnen sich arm und erklären sich selbst zu einem Teil der Mittelschicht. Sie verschleiern ihren Wohlstand derart gekonnt, dass völlig unklar ist, wie reich sie wirklich sind. Fest steht nur, dass in Deutschland Billionen und in Österreich Milliarden aus der Vermögensstatistik verschwinden.


Trick zwei: Man muss die Mittelschicht in ihrem Glauben bestärken, dass Aufstieg jederzeit möglich ist. Deswegen wird ja auch so viel über die "Leistungsgesellschaft" geredet, in der sich "Leistung lohnen muss". Dabei weist jede Sozialstatistik nach, dass die Elite sich selbst rekrutiert. So stammen die allermeisten Manager in Deutschland aus einer engen Oberschicht, die etwa 3,6 Prozent der Bevölkerung umfasst. Die Oberschicht ist eine "Parallelwelt", die sich nach unten abschließt. Aber das wird verschleiert.


Trick drei: Der Begriff der Ausbeutung wird umgedeutet. Nicht die Reichen beuten die Gesellschaft aus - sondern angeblich die Armen, die als "Sozialschmarotzer" abgestempelt werden. Aus dieser Verachtung für die Unterschicht entsteht dann eine fatale Allianz: Die Mittelschicht sieht sich an der Seite der Elite, weil sie meint, dass man gemeinsam von perfiden Armen ausgesaugt würde.


TROTZDEM: Warum sehen sich alle so gern in der Mittelschicht?


Herrmann: Für die Reichen ist es sehr profitabel, ihren Reichtum zu verschleiern. Und die Armen wollen sich nicht ihrer Armut schämen.


TROTZDEM: Warum schimpfen Menschen lieber über die "faulen Arbeitslosen, die uns auf der Tasche liegen" anstatt sich über die ungerechte Vermögensverteilung aufzuregen?


Herrmann: Da zeigen sich auch zutiefst menschliche Eigenarten: Es befriedigt einfach, andere zu verachten. Wenn man selbst nicht ganz unten ist - dann muss man ja schon fast oben sein und es geschafft haben.


TROTZDEM: In Ihrem Buch nennen Sie viele Zahlen zur Einkommens- und Vermögensverteilung in Deutschland. Dabei fällt auf, dass es keine genauen Zahlen über das Gesamtvermögen gibt. Warum?


Herrmann: In Deutschland haben wir das Problem, dass die sehr wichtige Einkommens- und Verbrauchsstichprobe vom Statistischen Bundesamts keine Haushalte befragt, die ein monatliches Nettoeinkommen ab 18.000 Euro haben. Ein so hohes Einkommen hat zwar nur ungefähr 1 Prozent aller Haushalte. Doch wird geschätzt, dass das oberste Prozent etwa 23 Prozent des gesamten Volksvermögens in Deutschland besitzt. Da verschwinden Billionen aus der Statistik.


Allerdings sind die statistischen Erhebungen in Deutschland immer noch besser als in Österreich. In Österreich weiß man fast gar nichts über die Reichen - was nur zeigt, welche Macht sie offenbar in Österreich haben.


TROTZDEM: Sie schreiben, die Eliten würden gerne unter sich bleiben. In Österreich schwelt seit geraumer Zeit eine heftig geführte Debatte über die Einführung einer gemeinsamen Schule. Bis dato wehren sich aber konservative Parteien ( ÖVP, FPÖ) und vor allem die AHS-LehrerInnengewerkschaft mit Händen und Füßen gegen eine Systemänderung. Welchen Einfluss hat Bildung auf die Bevölkerungshierarchie?


Herrmann: Ganz klar: Über Bildung werden Chancen verteilt. Deswegen sind auch viele Eltern in der Mittelschicht dagegen, das Gymnasium oder die AHS abzuschaffen. Sie erhoffen sich für ihr Kind Startvorteile bei der Karriere.

Dabei übersehen die Eltern in der Mittelschicht jedoch zweierlei. Erstens: Es ist für die Kinder ein enormer Stress zu wissen, dass sie die Aufnahme ins Gymnasium oder zur AHS schaffen müssen - und dass sie jederzeit zurückgestuft werden können. Dieser Stress überträgt sich auf die Eltern. Inzwischen zeigen alle Untersuchungen, wie sehr es die Eltern erschöpft, Karriereplaner für ihre Kinder zu sein.


Zweitens, noch schlimmer: Die Mittelschicht begeht einen echten Trugschluss. Weil die meisten Manager auf der Universität waren, glauben die Mittelschichtseltern, dass ein Hochschulabschluss reicht, damit ihr Kind ganz nach oben gelangt. Das ist jedoch falsch. Man braucht auch die richtige Herkunft. Wie gesagt: In Deutschland wurden die meisten Manager in die Oberschicht hineingeboren.


TROTZDEM: Ein weiteres Argument der GegnerInnen der gemeinsamen Schule ist, dass dies bloß einen Boom auf Privatschulen auslösen würde. Wie sehen Sie das?


Herrmann: Einen Boom bei den Privatschulen gibt es doch jetzt auch schon. Das ist unabhängig davon, wie das Schulsystem aussieht - sondern wie gut es finanziert ist.

In den 70er Jahren, als ich zur Schule ging, bekamen die staatlichen Schulen so viel Geld und waren so gut ausgestattet, dass es überhaupt keinen Prestigegewinn brachte, auf eine Privatschule zu gehen. Im Gegenteil: Es war allen deutlich, dass sich dort nur die Versager sammelten, deren Eltern reich genug waren, einen halbwegs ordentlichen Schulabschluss zu kaufen.


Doch sobald man die staatlichen Schulen zusammenspart, werden Privatschulen attraktiv. Für die Mittelschicht ist das ein schlechtes Geschäft, denn die Eliten haben immer mehr Geld, um sich ein noch besseres Angebot zu kaufen. Diesen Konkurrenzkampf lässt sich mit einem normalen Einkommen nicht gewinnen.

Eigentlich müsste die Mittelschicht dafür sein, die staatlichen Schulen besser auszustatten, damit die Reichen keinen Prestigegewinn mehr einfahren können, wenn sie ihr Kind auf ein Privatinstitut schicken.


TROTZDEM: Wie auch Deutschland zählt Österreich zu einem jener Länder, in denen Arbeit stark besteuert wird, Kapital und Vermögen dagegen relativ gering. Warum ist das der Fall?


Herrmann: Beide Länder haben zahlreiche Steuerreformen hinter sich, die die Spitzenverdiener und Unternehmer begünstigt haben. Das ist nur zu erklären, glaube ich, durch den Selbstbetrug der Mittelschicht.


TROTZDEM: In Deutschland rückte selbst die SPD in einen Feldzug gegen "SozialbetrügerInnen" und bezeichnete diese sogar als "Parasiten". Welchen wirtschafts- und sozialpolitischen Beitrag leistete die Sozialdemokratie in Deutschland?


Herrmann: Auf den ersten Blick wirkt es tatsächlich seltsam, dass ausgerechnet eine sozialdemokratische Partei die Armen beschimpft, die Unterstütztung für die Arbeitslosen kürzt und gleichzeitig den Spitzensteuersatz dramatisch senkt.

Aber sehr aufschlussreich war die begleitende Rhetorik: Der damalige SPD-Kanzler Gerhard Schröder zielte explizit auf die "Mitte", auch "Neue Mitte" genannt. Er hatte offenbar das Gefühl, dass er die Wünsche der Mittelschicht umsetzt, wenn er die Reichen stark entlastet, indem er den Spitzensteuersatz von 53 auf 42 Prozent senkt.


Zudem hat ja keineswegs nur die SPD an diesem Programm mitgewirkt - sondern auch die Grünen als Koalitionspartner sowie CDU und FDP im Bundesrat. Alle im Parlament vertretenen Parteien zielten auf die "Mitte" und waren sich einig, dass die breite Mehrheit unbedingt eine Entlastung der Reichen wünscht.


TROTZDEM: Welche Auswirkungen hat das deutsche Lohndumping?


Herrmann: Zweifellos kurbelt es die deutschen Exporte an. Trotzdem kann die "Globalisierung", immer gern bemüht, nicht erklären, warum die Reallöhne in Deutschland und in Österreich so stark nachgeben. Denn die explodierenden Gewinne bei den Firmen zeigen ja, dass der Verteilungsspielraum eigentlich groß wäre. Man könnte die Löhne erhöhen, ohne den Export zu gefährden.


TROTZDEM: Xenophobie und Hetze gegen MigrantInnen stehen in Österreich auf der Tagesordnung. Welche Funktion erfüllen rechtspopulistische Parteien mit ihrer Jagd auf "die AusländerInnen"?


Herrmann: Die Fremdenfeindlichkeit ist ein ganz entscheidender Grund, warum die Mittelschicht absteigt. Sie ist derartig damit beschäftigt, sich gegen die Einwanderer abzugrenzen, dass sie gar nicht merkt, dass die eigentlichen "Sozialschmarotzer" die Reichen sind, die sich aus der Finanzierung des Staates immer mehr zurückziehen.


TROTZDEM: Österreich wird von neoliberalen Thinktanks als "Nationalpark Hohe Steuern" diffamiert. Wie schätzen Sie die Situation in der Alpenrepublik ein?


Herrmann: Österreich ist ein Niedrigsteuerland, das gezielt Steuerdumping betreibt und damit hofft, Gelder aus Deutschland und anderen Staaten anzuziehen. Nur zwei Beispiele: Es gibt keine Erbschaftsteuer mehr - und es ist erlaubt, Vermögen steuerbegünstigt in privaten Stiftungen zu parken.


Was sehr wichtig ist: Die österreichische Mittelschicht müsste endlich begreifen, dass sie von diesem Steuerdumping gar nichts hat. Stattdessen führt es nur dazu, dass auch die österreichische Elite Steuern hinterziehen kann - und die österreichische Mittelschicht damit allein gelassen wird, den Staat zu finanzieren.


Interview wurde von Boris Ginner geführt.

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