Geschichte der Migration
Internationale Migration
Während der industriellen Revolution wurde die internationale Migration, bedingt durch die damals erstmals existierenden Massenverkehrsmittel und die Entstehung industrieller Arbeitsplätze, erstmals zum Massenphänomen.
Bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts waren die meisten europäischen Länder -bis auf wenige Ausnahmen, so zum Beispiel Frankreich und England- Auswanderungsländer. Im Zeitraum zwischen 1800 und 1930 wanderten mehr als 50 Millionen EuropäerInnen nach Übersee aus. Im selben Zeitraum kamen jedoch mehrere Hunderttausende polnische, tschechische und ukrainische ArbeiterInnen nach Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich; viele IrInnen wanderten nach England und Schottland aus und ItalienerInnen zogen zu Zehntausenden nach Frankreich, in die Schweiz und nach Süddeutschland. Hunderttausende osteuropäische Juden und JüdInnen flüchteten vor Pogromen nach Berlin, Paris und Wien.
Es kam zu zahlreichen Wanderungen von Millionen Menschen auf Grund des Endes des I. Weltkrieges, der russischen Revolution, auf Grund des II. Weltkrieges und auch wiederum nach dem Ende der Nazi-Herrschaft. Durch die Auflösung der Überseekolonien kam es Mitte des 20. Jahrhunderts wiederum zu breiten Wanderbewegungen in Europa. Insgesamt gab es eine Rückwanderung von ca. 2 Millionen Menschen aus den ehemaligen französischen Kolonien nach Frankreich. Aber auch andere Länder, zum Beispiel Großbritannien und Indien, waren vom Entkolonialisierungsprozess betroffen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang es den westeuropäischen Ländern zunächst, die meisten Flüchtlinge, Vertriebene und KolonialheimkehrerInnen ökonomisch zu integrieren. Zusätzlich begannen einige Staaten Westeuropas ihren Bedarf an billigen, wenig qualifizierten Arbeitskräften durch Zuwanderung aus den teilweise noch bestehenden, oder aus den ehemaligen Kolonien zu decken. Andere Länder warben aktiv GastarbeiterInnen aus dem Mittelmeerraum an.
1973 kam es, als Reaktion auf den Ölpreisschock, zum ersten Anwerbestopp. In einigen Ländern (Schweiz, Österreich, Deutschland, Schweden) wurden befristete Aufenthaltsgenehmigungen nicht mehr verlängert. Die Familienzusammenführung und die steigenden Geburten wogen jedoch den Stopp der Arbeitsmigration mehr als auf.
Mit dem Umbruch 1989/90 und dem Verschwinden des Eisernen Vorhanges kam es zu einer gewaltigen Migrationswelle. Bis zum Ende der 80er Jahre wurden im Großteil der europäischen Länder die Grenzen gegenüber dem Ostblock offen gehalten. Dies hatte nicht nur den Grund, Arbeitskräfte anzuwerben, es hatte auch politische Gründe. Mit der Auflösung des Ostblocks änderte sich jedoch diese Situation. Es kam die Angst vor einer unkontrollierten Zuwanderung hoch und die Gesetze wurden verschärft, die Grenzen wurden dichter und die Visumpflicht wurde auf viele zusätzliche Länder erweitert.
Migration in Österreich
Erst im 19. Jahrhundert kam es in Österreich-Ungarn zu einer breiten Migrationsbewegung, das Land wird ein Auswanderungsland. In der merkantilistischen Wirtschafts- und Bevölkerungspolitik dieses Jahrhunderts bedeutete Auswanderung jedoch einen Widerspruch zur erklärten Absicht, die Bevölkerungszahlen Österreich-Ungarns zu erhöhen. Deshalb konnte ab 1832 nur noch mit Zustimmung der Behörden legal aus Österreich-Ungarn ausgewandert werden.
Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde ein Phänomen deutlich sichtbar: die Zuwanderung aus dem Osten und die Abwanderung in den Westen. Ab 1869 nahm der Anteil der ausländischen Wohnbevölkerung in der österreichischen Reichshälfte zu, zugleich setzte jedoch auch die Auswanderung in den Westen ein. Insgesamt lag die Auswanderung aus Österreich-Ungarn jedenfalls auf einem sehr hohen Niveau, denn in der Zeit von 1870 bis 1910 wanderten mehr als 3,55 Millionen EinwohnerInnen Österreich-Ungarns nach Übersee aus. Für den Großteil, für insgesamt ca. 3 Millionen Menschen, war das Ziel die USA. Ende des 19. Jahrhunderts war ein anderes begehrtes Ziele auch Brasilien. Anfang des 20. Jahrhunderts Kanada und Argentinien.
Auch in der Folge hielt der Auswanderungsstrom an. Erst in der Mitte der 20er Jahre verringerte sich die Emigration, weil die USA die Einwanderung durch jährliche Quoten limitierte und andere Staaten, z.B. Brasilien und Argentinien, ihre aktive Anwerbungspolitik aufgrund der wirtschaftlichen Krise Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre beendeten.
Ab Mitte der 50er Jahre war Österreich Ziel einer Reihe von Wanderbewegungen. 1956/57 kamen zahlreiche Flüchtlinge aus Ungarn, 1968/69 tschechische und slowakische Flüchtlinge und 1981/82 polnische Flüchtlinge. Während den 90er Jahren kam es auf Grund der Balkankrise zu mehreren Wanderungswellen aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Anfang der 60er Jahre begann die gezielte Anwerbung von Arbeitskräften aus dem Ausland. Diese Wanderung ergab sich nicht spontan, sondern war das Resultat einer staatlich geregelten Anwerbungs- bzw. Kontingentierungspolitik. Zu Beginn war geplant, dass es zu einer Rotation der Arbeitskräfte kommen sollte. Das heißt, sie sollten für eine bestimmte Dauer in Österreich arbeiten und schließlich wieder in ihr Heimatland zurückkehren.
Dieses Rotationsprinzip scheiterte jedoch, da zahlreiche Unternehmen in der Zeit der Hochkonjunktur an einer Rotation ihrer Arbeitskräfte nur wenig Interesse hatten. Darüber hinaus sahen viele der ausländischen Arbeitskräfte für sich und ihre nachgeholten Familienangehörigen eine längerfristige Perspektive in Österreich.
In den 60er Jahren wurden Anwerbeabkommen mit Spanien, mit der Türkei und mit Jugoslawien getroffen. Das Abkommen mit Spanien war in der Praxis jedoch bedeutungslos.
1973 kam es zum Anwerbestopp und damit verbunden zu zahlreichen Problemen. Es stellte sich beispielsweise das Problem der schulischen Integration der nachgeholten Kinder. Zuvor wurde diese Frage nicht diskutiert, da aufgrund des Rotationsprinzips kein Familiennachzug vorgesehen war. Da nach 1973 die Wirtschaft Österreichs deutlich stagnierte und geburtenstarke Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt nachrückten, kam es ab Mitte der 70er Jahre zu einem Abbau der „GastarbeiterInnen“- Kontingente.
Wurden früher von den meisten westeuropäischen Ländern aktiv MigrantInnen als Billig-Arbeitskräfte geholt, ist dies heute jedoch kein Thema mehr. Vielmehr wird in den meisten Ländern über die drohende „Überfremdung“ diskutiert und wie man die Massen von ImmigrantInnen aus der Europäischen Union draußen halten kann.
Nicole Bertschler
Trotzdem Juli 2003






