Freitag 10. Februar 2012
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Inhalt:

Bildungspolitik

(Aus-) Bildung für den Markt


Die europäischen Bildungssysteme befinden sich seit den 1990er Jahren im massiven Umbruch. Zahlreiche Reformen verändern nicht nur in Österreich die universitäre Bildung grundlegend.

Prinzipiell ist zu beobachten, dass Bildungseinrichtungen im Rahmen der Reformbestrebungen verstärkt nach dem Vorbild von Wirtschaftsbetrieben organisiert werden. Zur obersten „Leitwissenschaft“ dieser Entwicklung wird die Betriebswirtschaft, effizient und qualitativ hochwertig ist nur noch, was sich am Markt verkaufen lässt. Besonders deutlich wird die Etablierung von Managementstrukturen anhand des Universitätsgesetzes 2002 und der damit verbundenen Neustrukturierung der österreichischen Universitäten.

An die Stelle von demokratischen Kollegialorganen treten nun monokratische, hierarchische Entscheidungsstrukturen, (studentische) Mitbestimmung wird als ineffizient angesehen. Darüber hinaus soll es den Universitäten mittels der „Universitätsautonomie“ erlaubt sein, ihre Binnenstrukturen selbst an den Markt anzupassen.

Autonomie und Mängelverwaltung

Parallel zur Universitätsautonomie wird das Prinzip der „Globalbudgets“ eingeführt. Den Unis wird in Zukunft von staatlicher Seite eine nach „objektiven“ Kriterien errechnete Summe an Geld zur Verfügung gestellt, über die sie dann autonom verfügen können. Angesichts der Sparpolitik der öffentlichen Hand erweist sich diese Form der Finanzierung allerdings rasch als eine reine „Verwaltung der Mängel“, die öffentliche Hand kann die Unterfinanzierung der Universitäten jedoch jederzeit mit Verweis auf das „Mißmanagement“ der Universitäten von sich weisen. Diese sind dadurch vermehrt gezwungen, private Finanzierungsquellen zu erschließen und in letzter Konsequenz profitorientiert zu agieren.

Geforscht und gelehrt wird nun primär direkt am Markt verwertbares Wissen, die Bildungsinhalte werden zunehmend am Kriterium der „employability“ („Beschäftigungsfähigkeit“) ausgerichtet, nicht direkt verwertbare Studiengänge werden unter dem Deckmantel der „Profilbildung“ finanziell ausgehungert oder, so wie derzeit z.B. an der Universität Innsbruck passiert, überhaupt gestrichen.

Doch nicht nur intern reorganisiert sich die Universität: Im Markt muss sie nach außen gegenüber potentiellen KonkurentInnen positionieren. Dabei handelt es sich nicht nur um private Bildungseinrichtungen, auch der Wettbewerb zwischen staatlichen Universitäten verschärft sich durch die Einführung der Globalbudgets und dem damit verbundenen Streben nach besseren Werten bei den für die Mittelvergabe relevanten Kriterien.

Die Internalisierung der Verwertungslogik

Auch an den Studierenden geht der Drang nach Verwertbarkeit der Bildung nicht spurlos vorüber. Sie werden einerseits zu KonsumentInenn von Bildungsleistungen degradiert, die individuelle Investition in die Dienstleistung Bildung – zB in Form von Studiengebühren – wiederum erhöht den Wert des Produkts „Student/in“. Damit begeben sich jedoch diejenigen, die die finanziellen Mittel zur Investition in das eigene Humankapital aufbringen können, in den Teufelskreis ihrer eigenen Verwertbarkeit: Ziel der eigenen Bildung ist es, den persönlichen Output zu maximieren um sich selbst möglichst profitbringend verkaufen zu können.

Dies führt zum Wunsch jedes/r Studierenden genau jenen Fähigkeiten und Kenntnisse vermittelt zu bekommen, die die eigene Verwertung bestmöglich gewährleisten. Individuelle Bildungsinvestitionen stellen somit ein zentrales Bindeglied zwischen Studienwahl, Studienangebot und außerwissenschaftlichen Märkten und Interessen dar: Studien die die Investition ins Humankapital rechtfertigen, sind nur jene, die auch den Anforderungen des Arbeitsmarkts entsprechen. Die Nachfrage nach diesen Disziplinen zwingt wiederum die Universität ihr Angebot an die Vorgaben der Wirtschaft anzupassen.

Der globale Markt

Zur Neustrukturierung der staatlichen Bildungseinrichtung und der Änderung der Rolle der Studierenden gesellen sich prinzipielle Veränderungen der Bildungsangebotsstruktur. Angesichts eines geschätzten Gesamtvolumens des weltweiten „Bildungsmarktes“ von ca. 2,2 Billionen US-Dollar drängen verstärkt private Bildungsanbieter in die Bildungssysteme. Als Werkzeug zur Erschließung dieser Märkte dient auf globaler Ebene in erster Linie das GATS-Abkommen (General Agreement on Trade in Services) der Welthandelsorganisation WTO. Ziel dieses Abkommens ist die weitreichende Liberalisierung der globalen Dienstleistungsmärkte, auch der Bildungsbereich ist zu einem großen Teil Gegenstand dieses Abkommens.

Mit Hilfe des GATS sollen private Bildungsanbieter langfristig in jedem WTO Mitgliedsland ihre Dienste anbieten dürfen, der formellen Privatisierung der Bildungssysteme wird damit Tür und Tor geöffnet. Konsequenz dieser Privatisierung der Bildung sind meist hohe Kosten in Form von Studiengebühren für die Studierenden und die Bildung einer „Zwei-Klassen-Bildung“. Diejenigen, die es sich leisten können, besuchen die teuren privaten Institutionen, jene die die finanziellen Mittel nicht aufbringen können, werden von qualitativ hochwertiger Bildung systematisch ausgeschlossen.

Europa schläft nicht

Doch nicht nur auf globaler Ebene wird fleißig an der allmählichen Privatisierung der Bildung gebastelt. So schlägt die Europäische Kommission in ihrer heftig umstrittenen Dienstleistungs- Richtlinie (sog. „Bolkestein- Richtlinie“) ebenfalls eine weitgehende Liberalisierung der europäischen Bildungssysteme vor. Eine derartige Vorantreibung der Liberalisierung des Bildungsbereichs beseitigt unwiderruflich die Möglichkeit, dass einzelne Staaten ihre eigenen Standards für den Bildungsbereich formulieren und durchsetzen. Doch kommt der Richtlinienentwurf nicht von ungefähr, schließlich hat sich die EU mit der Lissabon Strategie ein ambitioniertes Ziel gesetzt: Bis 2010 soll sie sich zum „dynamischsten und wettbewerbsfähigsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt“ entwickeln.

Die Entwicklung der EU soll zwar wissensbasiert erfolgen, doch ist staatliche Verantwortung nur noch Nebensache: die finanzielle Aushungerung des Bildungsbereiches soll durch private Investitionen wettgemacht werden.

Johannes Schimmerl
Trotzdem November 2005

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