Wider die Verharmlosung
Was bist du?‘ ‚Staatsanwalt.‘ Er erhielt eine weitere Ohrfeige. ‚Was bist du?‘ Jetzt sagte er: ‚Ein Arschloch.‘ [...] Es schien, als würde die Nacht niemals enden. Prügeln, Brüllen, Schauen, Prügeln, Drill, Brüllen, Schauen. [...] Hier sei, um jeden Zweifel auszuräumen, noch hinzugefügt: Ich habe nicht versucht, das Grauen dieser Nacht im Zug als solches zu beschreiben. [...] Ich habe nur beschrieben, was jenseits jedes Zweifels Teil eines sorgfältig geplanten Systems ist, mit dem der Widerstandsgeist der neuen Häftlinge gebrochen werden soll."
Mit diesen Worten schildert Paul Martin Neurath in seinem Werk „Die Gesellschaft des Terrors" seinen Transport in einem Zug von Wien ins Konzentrationslager Dachau. Bemerkenswert und charakteristisch in dieser Schilderung sind folgende Dimensionen: Erniedrigung, Entmenschlichung, Gewalt und System. Menschen wurden terrorisiert, indem sie durch ein ausgeklügeltes System mittels Gewalt erniedrigt und entmenschlicht wurden. Neurath selbst lässt keinen Zweifel daran, dass die Schikanen nicht zufällig und individuell waren, sondern geplant und kollektiv.
So unglaublich das auch klingen mag, gibt es auch heute noch Menschen, welche dieser gesellschaftlichen Ordnung etwas Positives abgewinnen können, sie sogar verherrlichen und wieder herbeisehnen. Noch unglaublicher ist jedoch, dass die Spitzen einer sozialdemokratischen Partei in Zusammenhang mit der Teilnahme an Übungen, welche Teile des oben geschilderten Systems zum Inhalt haben, von ‚Jugendtorheiten‘ sprechen oder versuchen ihre Bedeutung herabzuspielen, indem sie diese mit den Verfehlungen anderer Personen vergleichen und somit den Versuch unternehmen, hier etwas zu relativieren, wo es nichts zu relativieren gibt. Sowohl Gusenbauer als auch Cap haben somit ganz eindeutig bewiesen, dass sie entweder nicht dazu in der Lage sind, Tatsachen in ihrer ganzen historischen Tragweite einzuschätzen, oder dass sie bereit sind, jegliche Wert- und Moralvorstellung über Bord zu werfen, wenn dies im Interesse des Machterhalts ist. Beides ist zutiefst verwerflich und wirft kein gutes Licht auf ihre politischen Führungsqualitäten.
Wir brauchen weder geschichtsunkundige, noch morallose PolitikerInnen, die die Systematik hinter dem faschistischen System nicht erkennen können oder wollen. Insbesondere von den Spitzen der Republik muss man erwarten, dass sie nicht den geringsten Zweifel an der Verwerflichkeit solcher Übungen aufkommen lassen. Denn diese Übungen dienen ausschließlich dazu, jene Bestandteile des NS-Systems, welche von Neurath geschildert wurden, auch Jahrzehnte später noch aufrechtzuerhalten. Sowohl Gusenbauer als auch Cap müssten sich die Frage stellen, wieso in einer etablierten Demokratie am rechten Rand der Gesellschaft solche Übungen abgehalten werden? Was soll den TeilnehmerInnen beigebracht werden, außer der Missachtung der Demokratie und der Menschenwürde.
Mit der Verharmlosung der Wehrsportübungen von H.C. Strache und somit der Akzeptanz oben geschilderten Systems begeht Gusenbauer einen fatalen Fehler. Annäherungen an die FPÖ - auf welche Art und Weise immer - widersprechen und brechen den antifaschistischen Grundkonsens innerhalb der Sozialdemokratie. Ein Bundeskanzler und SPÖ-Parteivorsitzender, darf an seiner antifaschistischen Gesinnung keine Zweifel aufkommen lassen.
Nina Pölzl
Markus Schweiger






